Prof. Dr. Wolfgang Auffermann

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Prof. Dr. Wolfgang Auffermann, Dubai

 

Aspirin und Paracetamol gefährden Leben

Gängige Schmerzmittel wie Aspirin oder Paracetamol sind keineswegs harmlos.

Experten fordern die Rezeptpflicht für einige frei verkäufliche Schmerzmittel. Manche Pharmakologen gehen noch einen Schritt weiter: Sie wollen Aspirin und Paracetamol aus den Apotheken verbannen.

Wenn der Kopf brummt, greifen viele schnell zur Hausapotheke. Rund 3,8 Millionen Deutsche nehmen regelmäßig Kopfschmerztabletten. Ohne sich viele Gedanken darüber zu machen, werfen sie ein, zwei Aspirin oder Paracetamol ein. Tritt die erhoffte Wirkung nicht ein, schluckt man eben noch eine Tablette. Nach dem Motto: Viel hilft viel. Schließlich sind die kleinen Pillen nicht nur billig, sondern auch rezeptfrei beim Apotheker um die Ecke zu haben – und schon seit Generationen beliebt und scheinbar bewährt. Frei verkäufliche Schmerztabletten haben ein gutes Image, gelten inzwischen fast schon als Lifestyle-Produkte und nicht mehr als Medikamente. Suggeriert doch die Werbung, dass diese Pillen generell fit machen – auch vorbeugend und in jeder erdenklichen Lebenslage.

 

Versehentliche Überdosierung ist lebensgefährlich

Dieser sorglose Umgang mit Schmerzmitteln macht den Experten Kopfschmerzen. Denn die vermeintlich harmlosen Allzweckwaffen haben gefährliche Nebenwirkungen, die sogar tödlich enden können. „Paracetamol würde heute nicht mehr zugelassen werden, auch nicht auf Rezept“, sagt Kay Brune, Professor an der Universität Erlangen. „Bereits bei der zugelassenen Dosis von vier Gramm pro Tag können Patienten schwere Leberschäden davontragen. Nimmt jemand die doppelte Dosis ein, kann das zu einem Leberversagen führen.“ Der erfahrene Pharmakologe rät Patienten generell davon ab, Paracetamol einzunehmen. „Wir haben hier ein Medikament auf dem Markt, das bereits bei geringer Überdosierung tödlich wirkt. Und das ist kein schöner Tod, er zieht sich über mehrere Tage hin.“ Paracetamol solle abgeschafft werden, findet Brune.

Auch den zweiten Klassiker unter den frei verkäuflichen Schmerzmitteln, das Aspirin, möchte Brune weitestgehend aus den Regalen der Apotheker verbannen. Der darin enthalten Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) berge zu viele Risiken. Lediglich für Patienten mit ernsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei die Einnahme von Aspirin noch zu verantworten – nicht jedoch für Schmerzpatienten. „ASS wirkt nur kurzfristig schmerzlindernd, jedoch tagelang blutverdünnend“, sagt der Pharmakologe. Das habe zur Folge, dass Wunden, etwa nach einer Zahnbehandlung, plötzlich wieder zu bluten beginnen. Oder aber Patienten nicht operiert werden können, weil sie Tage zuvor Aspirin-Tabletten geschluckt haben. „Durch die Einnahme von ASS bei Schmerzen, geht man ein völlig unnötiges Blutungsrisiko ein“, betont Brune. Eine kürzlich in der Fachzeitschrift „Archives of Internal Medicine“ veröffentlichte Studie zeigt: Nur Patienten, die bereits einen schweren Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben, sollten dieses Risiko eingehen. Studienleiter Kausik Ray, Professor an der St. George`s Universität in London, ist sich aufgrund der Forschungsergebnisse sicher: „Gesunden Menschen schadet Aspirin mehr als es nützt.“

 

Kombipräparate addieren Risiken

Besonders gefährlich sind so genannte Kombipräparate, die verschiedene Wirkstoffe enthalten. „Diese Mischprodukte sind Unfug. Sie addieren selten die positiven Effekte, jedoch die Risiken der einzelnen Wirkstoffe.“ Das Problem: Patienten verlieren durch die Einnahme dieser Medikamente leicht den Überblick darüber, welche Wirkstoffe in welchen Mengen sie zu sich genommen haben. Wer beispielsweise an einer Grippe leidet, gegen die Schmerzen Aspirin oder Paracetamol einwirft und sich anschließend zusätzlich ein Kombipräparat als Heißgetränk bereitet, der lebt gefährlich. Gerade Laien ist nämlich oft nicht bewusst, dass kombinierte Grippemittel den Wirkstoff ASS oder Paracetamol enthalten. Und so nehmen die Betroffenen eine zu große Menge an Substanzen zu sich – ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Folgen für die Gesundheit können gravierend sein.

Umso erstaunlicher, dass sich Experten bislang nicht dazu durchringen konnten, die Abgabe dieser Schmerzmittel besser zu kontrollieren. Kleiner Packungsgrößen, wie für Paracetamol vor drei Jahren und Rezeptpflicht stehen zwar zur Debatte, aber warum unterzieht niemand diese umstrittenen Wirkstoffe einer genaueren Untersuchung? „ASS und Paracetamol sind aus Tradition auf dem Markt, weil schon die Großmutter darauf vertraute. Richtig überprüft hat sie keiner“, sagt Brune. „Beide Wirkstoffe sind patentfrei, das heißt, kein Hersteller will die Kosten für weitere wissenschaftliche Analysen aufbringen, von denen dann auch die Konkurrenten profitieren würden.“

 

Ibuprofen oder Diclofenac sind besser erforscht

Was also ist zu tun, wenn der Schmerz hinter den Schläfen hämmert oder der Zahn nicht aufhört zu pochen? Brune empfiehlt, auf die neueren Wirkstoffe Ibuprofen und Diclofenac auszuweichen. Diese Substanzen seien in den vergangenen 30 Jahren gründlich erforscht in die Rezeptfreiheit entlassen worden. „Natürlich sind auch diese Wirkstoffe keine Heiligen. Vor allem wenn man sie lange und in hoher Dosis zu sich nimmt, kann es zu Magenblutungen, Bluthochdruck oder Schlaganfällen kommen“, betont der Pharmakologe. Auch Ibuprofen und Diclofenac sind eben Medikamente und keine Lutschbonbons.

Dennoch seien die neueren Wirkstoffe besser verträglich als ihre Vorgänger. „Der Vorteil ist, dass der Körper Ibuprofen und Diclofenac schnell wieder aus dem Körper ausscheidet. Eine Überdosierung kommt daher selten vor, und sie führt – anders als durch Paracetamol – nicht zum Tod.“

Trotz allem gilt für alle Schmerztabletten: Möglichst selten danach greifen – und wenn, dann nur über einen kurzen Zeitraum und in der richtigen Dosierung.